Endlich komme ich dazu, den Artikel von Michael Kerres (2006): Potentiale von Web 2.0 nutzen, in: Andreas Hohenstein & Karl Wilbers (Hrsg.) Handbuch E-Learning, München: DWD, zu studieren:

Potentiale von Web 2.0
Web 2.0 wird in der öffentlichen Diskussion vor allem als softwaretechnische Innovation gesehen. Der Beitrag versucht dagegen die These, dass mit Web 2.0 vor allem eine neue Art der Wahrnehmenung und Nutzung des Internet verbunden ist. Er beschreibt, welche Implikationen diese für die Konzeption von E-Learning und Lernwerkzeugen künftig hat. Klassische Lernplattformen, so die zentrale These, werden abgelöst durch persönliche konfigurierbare Lern- und Arbeitsumgebungen.

Schlagworte: web 2.0, social software, Lernplattformen, Lernportal, personal learning environment (PLE).

Web 2.0: Verschiebung von Grenzen
- User versus Autor: User werden zu Autoren.
- lokal versus entfernt: Die Grenze zwischen lokaler und entfernter Datenhaltung und -verarbeitung verschwimmt.
- privat versus öffentlich: Privates wird zunehmend öffentlich.

Grenzverschiebungen in Bildungsinstitutionen
- Lerner vs. Lehrer: Lerner erzeugen content.
- Zuhause vs. Schule: Lernen wird ubiquitär
- Lernen vs. Prüfen: Lernen wird zur Performanz.

Mit der Diskussion über konstruktivistische Ansätze und ePortfolios wird Lernen zur Performanz: Ich lerne, indem ich bestimme (beobachtbare) Lernaktivitäten "zeige". Ich entwickle ein Projekt, tausche mich mit Anderen in einem Forum aus und reflektiere meine Aktivitäten in einem Weblog. Der Unterschied zwischen scheinbar privatem Lernen und dem öffentlichen Darstellen von Gelernten in Prüfungen entfällt.

Web 2.0 und eLearning
E-Learning 1.0
- Lernumgebung = eine Insel im Internet mit Inhalten und Werkzeugen.
- Lehrer überführt alle Ressourcen auf die Insel.
- Lerner nutzt die vorgegebenen Inhalte und Werkzeuge.

E-Learning 2.0
- Lernumgebung = ein Portal ins Internet mit Inhalten und Werkzeuge.
- Lehrer stellt Wegweiser auf, aggregiert Ressourcen.
- Lerner konfiguriert seine persönliche Lern- und Arbeitsumgebung.

In diesem Zusammenhang besonders relevant wird "Microcontent" (Hug, Linder, & Bruck, 2005): kleinere Wissensressourcen unterhalb von Unterrichtseinheiten, die flexibel in Webanwendungen integriert werden können. (...)

Das "Personal Learning Environment" ist eine Umgebung des Lernenden, das etwa einen Weblog für individuelle Reflexionen, Wikis für kollaboratives Arbeiten und ein Portfolio als Ausweis eigener Arbeiten beinhaltet. (...) Dieses "Personal Learning Environment" (PLE) wird teilweise als Alternative oder als Ergänzung einer konventionellen Lernplattform betrachtet. Beides ist m.E. im Sinne von Web 2.0 weniger zielführend. (...) Es wäre somit zu überlegen, wie z.B. die - etwa zeitgesteuerte, getaktete - Distribution von Lernmaterialien und -aufgaben, das Freischalten von online-Tests, das Bilden von Lerngruppen, Zuweisen von Tutor/innen, erfassen des Lernstatus und ähnliches in ein PLE "integriert" werden kann.

Merkmale von Web 2.0-Applikationen
Was charakterisieren Web 2.0 Applikationen? Welche (An-)Forderungen ergeben sich aus Sicht von Web 2.0 für Lernumgebungen? Im folgenden finden Sie konkrete Ansatzpunkte, wie ein solcher Ansatz für E-Learning umgesetzt werden kann. Dabei geht es insbesondere um folgende zwei Zielsetzungen:

(1) Wie können User unterstützt werden, sich - in unterschiedlichster Form - in der Lernumgebung aktiv zu beteiligen ("user generated content")?
(2) Wie kann eine soziale Gruppenbildung in der Lernumgebung unterstützt werden ("social software")?

Hinweise: (ausführlich im Text)

Drupal: Ein CMS für Learning Communities
Die Entscheidung für die open source Lösung Drupal 4.6, ein Content Management System (CMS), das konzeptuell besonders deutlich durch Ideen von Web 2.0 und social software geprägt ist, erfolgte nach einigen Recherchen und Testläufen (http://www.drupal.org). Seit August 2005 wird Drupal am Duisburg Learning Lab drupal produktiv eingesetzt (s. http://mediendidaktik.de). (...) Drupal setzt damit konsequent die Idee um, alle Inhalte des Systems exportierbar zu machen und externe Inhalte per RSS-Feed in das System importieren zu können. (...) Für angemeldete User können beliebige Felder angelegt werden, die dem Community-Building dientlich sind. Wir haben etwa Felder vorgesehen, in denen Links auf die persönliche Website, Flickr, Furl, ICQ, Yahoo, Skype oder ähnliches, allso alles Services, die anderwo betrieben werden, und auf der Drupal-Site - für die "Learning Community" sichtbar - zusammengeführt werden. Auf diese Weise können die Mitglieder untereinander ihre Bookmark-Liste, Termine, Bilder usw. einsehen und tauschen, wodurch das System ein Community-Building unterstützt. Die Website wird zu einem Ort des sozialen Austausches, - ohne dass sie den Einzelnen zwingt, diesen Ort als "den" zentralen Ort anzuerkennen, an dem er / sie alle Informationen einbringen muss. Es ist umgekehrt: Das System holt sich die Informationen von verschiedenen Orten und führt sie lediglich so zusammen, dass ein lebendiger Ort entsteht, der ihn zunehmend interessant macht.

Merkmale eines 2.0-Lernportals
(siehe Artikel)