28. Juni 2006
Das Web 2.0 als Herausforderung für die Medienpädagogik
Christian Spatscheck beschreibt in der aktuellen Ausgabe von merz - zeitschrift für medienpädagogik, 50. Jahrgang / Nr. 3, Juni 2006, die Web 2.0-Internetanwendungen und beschäftigt sich mit ihren medienpädagogisch relevanten Herausforderungen.
Was ist das Web 2.0?
BeispieleWas ist das Web 2.0?
Mit der Wortschöpfung "Web 2.0" gelang Tim O'Reilly, Geschäftsführer des O'Reilly Medienverlages und einer der wichtigsten Trendsetter der Internetcommunity, erneut die Etablierung eines medialen Schlagwortes. (...)
Mit dem Begriff Web. 2.0 wird eine wachsende Vielzahl von Internetanwendungen und Webseiten beschrieben, die auf eine verstärkte aktive Mitwirkung ihrer Nutzerinnen und Nutzer bei der Erstellung und Gestaltung von Inhalten setzen und dabei "kollektive Formen von Intelligenz" schaffen.
- Weblogs
- Podcasts
- RSS-Feeds
- öffentlich zugängliche Bildergalerien, wie Flickr.com
- Online Bookmarksammlungen, wie del.icio.us
- Online Lexikon, wie Wikipedia
- Literaturkritiken bei Amazon oder bei gegenseitigen Verkaufsbewertungen bei Ebay
- Datenaustausch-Programme, wie BitTorrent oder Emule
- geografisch orientierte Suchdienste, wie Google Maps
- Online Textapplikationen, wie Writely.com
- Spamfilter für E-Mails, wie Cloudmark
- Open Source Projekte, wie bei SourceForge
- Suchdienste, wie Lycos iQ
Ein wesentliches Element von Web 2.0-Anwendungen ist, dass ihr Mehrwert erst durch die aktive Partizipation der Nutzerinnen und Nutzer entsteht. O'Reilly schreibt hier von der "Nutzbarmachung der kollektiven Intelligenz". Mit dem Begriff "Folksonomy", der sich aus "Folks" (Leute) und "Taxonomy" (Klassifizierung) zusammensetzt, beschreibt er die Fähigkeit diese Anwendungen, aus den von Nutzerinnen und Nutzern abgegebenen Kategorien, Tags und Einschätzungen neue Klassifizierungssysteme zu erstellen, die oft besser arbeiten als jene, die hierarchisch und zentral erstellt werden. Mit diesem gestaltungsprinzip hofft o'Reilly, die "Weisheit der Vielen" nutzbar zu machen, die als Mitwirkende zum Wert der genutzten Angebote beitragen. Web 2.0-Dienste werden entsprechend umso besser, je mehr Mitwirkende sie haben. (...)
Da die Inhalte von den Nutzerinnen und Nutzern mindestens mitgestaltet werden, sind gute Web 2.0-Angebote relativ offene Plattformen, die Kooperation ermöglichen, ohne Kontrolle über diese Prozesse zu übernehmen. Durch ihre Prozesshafigkeit sind Web 2.0-Anwendungen auch nie fertig gestellt. Aufgrund ihrer permanenten Weitergestaltung befinden sich diese Angebote in einem Zustand einer "unaufhörlichen Beta-Version".
Was bedeutet diese Entwicklung für die Medienpädagogik?
Besonders Blogs, Podcasts und Vlogs ermöglichen Sendeformen und Gegenöffentlichkeiten für Themen, die sonst keine Plattformen in der Öffentlichkeit fänden. Die von Brecht (1968) in seiner "Radiotheorie" formulierte medientheoretische Vision, dass Mediennutzende nicht nur passive Empfangende der gesendeten Programme sein sollten, sondern diese als Produzierende in interaktiver Weise mitgestalten könnten, wird hier zu einer konkreten Umsetzung gebracht.
Gleichzeitig stellen Web 2.0-Anwendungen hohe Anforderungen an die Kompetenzen, mit persönlichen Daten, Urheberrechten, eigenen Veröffentlichungen von Bildern, Texten, Filmen, Tags und Kommentaren bewusst und verantwortlich umzugehen und die dabei zu erhaltenden Informationen und beteiligten Interessen adäquat wahrzunehmen. Um sich diese medialen Möglichkeiten aktiv und reflektiert anzueignen und sich in den Angeboten zurechtzufinden, sind Fähigkeiten gefragt, die Röll (2003) in seiner "Pädagogik der Navigation" treffend unter dem Begriff des selbstgesteuerten Lernens beschrieben hat.
Die Förderung einer dazu nötigen reflektierten Beschäftigung mit Web 2.0-Angeboten bietet neue Aufgabenfelder für die Medienpädagogik.
- Besonders Blogs werden immer öfter als medienpädagogisches Medium wahrgenommen.
- Video-Blogs (Vlogs) bieten grosse Potentiale für innovative und auch spannende medienpädagogische Konzepte.
- Internetradio- oder Podcastingprojekte bieten Möglichkeiten, selbst zusammengestellte Audiobeiträge über das Internet zu erstellen und diese bei gemeinsamen Events und begleitet von Chats mit anderen zu teilen.
- e-Learning 2.0": Die Idee des selbstgesteuerten, kollaborativen und entdeckenden Lernens durch Blogs (vgl. www.blogs2teach.net), Wikis und andere Formen des internetbasierten kommunikativen Austauschs besonders gut unterstützt werden könnte. Podcasts, Bildergalerien oder Tag-Listen könnten als ergänzende Lehr- und Lernmedien eingesetzt werden, die die Lernenden in den Mittelpunkt des Lerngeschehens holen. Über Feedbacksysteme wie meinprof.de können Lehrende Rückmeldungen von Lerngruppen online erhalten und diese dokumentieren.




Kommentare
Wenn vor allem Schüler z.B. in online-Foren lernen, ihre Meinungen auszudrücken, kann dies einen wesentlichen Beitrag zur Demokratieerziehung leisten. Natürlich besteht auch die Gefahr, dass viel "Mist" verbreitet und übers Internet schnell veröffentlicht wird.
Daher denke ich, dass man besonders für den schulischen Bereich, genau überlegen und prüfen muss, wie sinnvoll und einsetzbar die verschiedenen Möglichkeiten sind die Betreuung und Rückmeldung nicht aus dem Blick zu verlieren.