Bereits vor gut einem Jahr habe ich frustriert mit dem Lesen des Buchs "Vorsicht Bildschirm. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft" aufgehört, welches der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer verfasste. Bereits damals hat mich gestört, dass der Wissenschaftler Spitzer bewusst oder unbewusst immer wieder Korrelation mit Kausalität in seinen sogenannten Beweisen verwechselte. Hinzu kommt, dass sich seine Beweisführung lediglich auf einige wenige ausgesuchte Quellen bezieht.

Nachdem einige meiner ArbeitskollegInnen im November einen Vortrag von Manfred Spitzer besucht hatten und von seinen Fähigkeiten als Redner schwärmten, habe ich mir übers Wochenende auf DVD Manfred Spitzers Referat "Vorsicht Bildschirm. Der Einfluss von Bildschirm-Medien auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ein Vortrag vom März 2006" angeschaut:

Das Referat hat mich ziemlich nachdenklich gestimmt!
Manfred Spitzer ist zweifelsohne ein sehr begnadeter Redner und renommierter Neurowissenschaftler. Auch seiner Warnung vor dem zu extensiven Bildschirmkonsum vieler Kinder und Jugendlichen ("Weil Bildschirm- und Medienkonsum für unsere Kinder und Jugendlichen heute nach dem Schlafen die zweithäufigste Tätigkeit überhaupt ist.") kann ich durchaus einiges abgewinnen! Beeindruckt haben mich auch seine Ausführungen über die "Lernspuren", welche im Gehirn der Heranwachsenden ausgebildet werden. Und es deshalb bei Kindern unter 3 Jahren besonders wichtig sei, dass die "Lernspuren" mit möglichst allen Sinnen gebildet werden und nicht lediglich auf eine visuelle und auditive Fernseh-Welt begrenzt werden. Was ich aber wirklich nicht verstehe, weshalb ein so kluger Kopf wie Spitzer sich nicht mit uns Medienpädagogen verbündet. Statdessen zielt sein gesamtes Referat lediglich darauf ab, alle Medienpädagogen als "Schwatzer" zu diffamieren und alle Andersgläubigen anzuschwärzen. Mit abstrusen Aussagen - "Der wirtschaftliche Erfolg eines Landes hängt letztlich vom Bildungsniveau ab, und das Bildungsniveau steht in direktem Zusammenhang mit dem Fernsehkonsum." oder "Wenn das so weitergeht, dann nähen wir in einigen Jahren höchstens noch die T-Shirts für die Chinesen." - macht sich Manfred Spitzer natürlich auch keine Freunde bei den Wissenschaftlern - hier wird er schon gar nicht mehr ernst genommen.

Diese Entwicklung ist besonders deshalb bedauerlich, weil so das Problem vom übermässigen Bildschirmkonsum bei Kindern und Jugendlichen nicht wirklich ernsthaft diskutiert wird: Letztlich dreht sich die Diskussion nur noch darum, wer ein Gegner oder ein Befürworter bzw. Gläubiger von Manfred Spitzers Theorien ist. Viel wichtiger wäre doch, den Kindern und Jugendlichen anstelle des omnipräsenten Bildschirms andere befriedigende Tätigkeiten zu zeigen und diese auch vorzuleben!

Zeit ist ein wirklich wertvolles Gut! Deshalb sind Bildschirme auch so gute Babysitter. Ich frage mich, ob Manfred Spitzer bei all den zahlreichen Aktivitäten seinen fünf Kindern - die natürlich keinen Fernseher Zuhause haben - die notwendige Zeit schenken kann, um ihnen sinnvolle bildschirmlose Alternativen vorzuleben. Oder ist es vielleicht doch so, dass die Kinder ihren Vater nur selten sehen oder dann halt häufig vor dem Computer-Bildschirm?!