27. Dezember 2005
Manfred Spitzer: Vorsicht Bildschirm!
Manfred Spitzer stellt sich mit seinem neuesten Buch «Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft.» Ernst Klett Verlag. Stuttgart 2005 in die Reihe von Kulturkritikern der elektronischen Medien wie etwa Hartmut von Hentig, Mary Winn, Wolfgang Glogauer oder auch Neil Postman.
Bildschirm-Medien gibt es seit einem halben Jahrhundert, aber erst seit viel kürzerer Zeit machen sie einen wesentlichen Teil unseres Lebens und unserer Erfahrung aus. In 98% aller deutschen Haushalte findet sich heute (mindestens) ein Fernsehgerät. Hinzu kommen Computer, Videorekorder und Videospiel sowie Gameboy und Farbbildschirm-Handy. In den USA verbringen Schüler mehr Zeit vor dem Fernseher als mit irgendeiner anderen Tätigkeit - ausser schlafen. Wenn wir die Entwicklung in Deutschland so weiter laufen lassen wie bisher, dann verursachen Bildschirme im Jahr 2020 - vorsichtig aus den bekannten Daten berechnet - jährlich etwa 40'000 zusätzliche und vermeidbare Tote aufgrund von Herzinfarkten, Zuckerkrankheit und Schlaganfällen sowie Lungenkrebs. Hinzu kommen mehrere zehntausend zusätzliche Fälle von Schulproblemen in Form von Aufmerksamkeits- und Lesestörungen und eine nur schwer abschätzbare Menge an zusätzlicher verbaler und handgreiflicher Gewalt. Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in den USA jährlich etwa 10‘000 Morde und 70‘000 Vergewaltigungen weniger sowie 700‘000 weniger Gewaltdelikte gegen Personen – schätzt ein amerikanischer Forscher.
(Textauszug aus dem Klappentext).
Nachdem ich in den Herbstferien das Buch «Vorsicht Bildschirm!» mit Interesse, aber grosser Skepsis, zu lesen begann - ich habe es aber noch nicht zu Ende gelesen - entdeckte ich nun in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Computer + Unterricht 60/2005, S. 61 eine Rezension von Stefan Aufenanger, die ich Punkt für Punkt teile und nicht besser formulieren könnte:
Vorsicht Spitzer! Rezension von Stefan Aufenanger:
Was ist die Botschaft des Buches bzw. warum warnt der Autor vor den genannten Medien? "Weil Bildschirme krank machen, weil sie sich auf die Leistungen in der Schule ungünstig auswirken und weil sie zu vermehrter Gewaltbereitschaft führen" (S. 12). Oder knapper ausgedrückt: Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig! Diese drei Themengebiete werden in dem Buch ausführlich behandelt, wobei der Autor auf zwei Dinge Wert legt: auf den Zusammenhang von Mediennutzung und Gehirnentwicklung sowie auf eine auf empirische Studien basierenden Argumentation. Und genau diese beiden Punkte machen es notwendig, sich mit dem Buch auseinander zu setzen. (...) Ob die auf den Neurowissenschaften aufbauende Argumentation zutreffend ist, soll hier nicht entschieden werden, denn dies bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit den Methoden und Verallgemeinerungen. (...) Doch der Fachmann kann erkennen, dass die Auswahl dieser Studien genau der ideologischen Argumentationslinie des Autors folgt. Jene Studien, die keinen oder auch nur schwachen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und etwa Gewaltbereitschaft aufzeigen, werden nicht erwähnt. (...) Eine differenzierte Sichtweise ist also notwendig. Genau dies ist aber in dem Buch von Spitzer nicht zu finden. (...) Lohnt es sich also das Buch zu lesen? Sicher ja, wenn man die Argumentation der Gegner der Bildschirmmedien kennen lernen will. Um sich selbst ein sachlich fundiertes Urteil bilden zu können, sicherlich nein, denn dazu hat der Autor viel zu sehr seine subjektive Sichtweise in den Vordergrund gestellt. Da sollte man doch lieber die Originalliteratur lesen.



