Manfred Spitzer: Vorsicht Bildschirm!


Manfred Spitzer stellt sich mit seinem neuesten Buch «Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft.» Ernst Klett Verlag. Stuttgart 2005 in die Reihe von Kulturkritikern der elektronischen Medien wie etwa Hartmut von Hentig, Mary Winn, Wolfgang Glogauer oder auch Neil Postman.

Bildschirm-Medien gibt es seit einem halben Jahrhundert, aber erst seit viel kürzerer Zeit machen sie einen wesentlichen Teil unseres Lebens und unserer Erfahrung aus. In 98% aller deutschen Haushalte findet sich heute (mindestens) ein Fernsehgerät. Hinzu kommen Computer, Videorekorder und Videospiel sowie Gameboy und Farbbildschirm-Handy. In den USA verbringen Schüler mehr Zeit vor dem Fernseher als mit irgendeiner anderen Tätigkeit - ausser schlafen. Wenn wir die Entwicklung in Deutschland so weiter laufen lassen wie bisher, dann verursachen Bildschirme im Jahr 2020 - vorsichtig aus den bekannten Daten berechnet - jährlich etwa 40'000 zusätzliche und vermeidbare Tote aufgrund von Herzinfarkten, Zuckerkrankheit und Schlaganfällen sowie Lungenkrebs. Hinzu kommen mehrere zehntausend zusätzliche Fälle von Schulproblemen in Form von Aufmerksamkeits- und Lesestörungen und eine nur schwer abschätzbare Menge an zusätzlicher verbaler und handgreiflicher Gewalt. Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in den USA jährlich etwa 10‘000 Morde und 70‘000 Vergewaltigungen weniger sowie 700‘000 weniger Gewaltdelikte gegen Personen – schätzt ein amerikanischer Forscher.
(Textauszug aus dem Klappentext).

Nachdem ich in den Herbstferien das Buch «Vorsicht Bildschirm!» mit Interesse, aber grosser Skepsis, zu lesen begann - ich habe es aber noch nicht zu Ende gelesen - entdeckte ich nun in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Computer + Unterricht 60/2005, S. 61 eine Rezension von Stefan Aufenanger, die ich Punkt für Punkt teile und nicht besser formulieren könnte:

Vorsicht Spitzer! Rezension von Stefan Aufenanger:
Was ist die Botschaft des Buches bzw. warum warnt der Autor vor den genannten Medien? "Weil Bildschirme krank machen, weil sie sich auf die Leistungen in der Schule ungünstig auswirken und weil sie zu vermehrter Gewaltbereitschaft führen" (S. 12). Oder knapper ausgedrückt: Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig! Diese drei Themengebiete werden in dem Buch ausführlich behandelt, wobei der Autor auf zwei Dinge Wert legt: auf den Zusammenhang von Mediennutzung und Gehirnentwicklung sowie auf eine auf empirische Studien basierenden Argumentation. Und genau diese beiden Punkte machen es notwendig, sich mit dem Buch auseinander zu setzen. (...) Ob die auf den Neurowissenschaften aufbauende Argumentation zutreffend ist, soll hier nicht entschieden werden, denn dies bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit den Methoden und Verallgemeinerungen. (...) Doch der Fachmann kann erkennen, dass die Auswahl dieser Studien genau der ideologischen Argumentationslinie des Autors folgt. Jene Studien, die keinen oder auch nur schwachen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und etwa Gewaltbereitschaft aufzeigen, werden nicht erwähnt. (...) Eine differenzierte Sichtweise ist also notwendig. Genau dies ist aber in dem Buch von Spitzer nicht zu finden. (...) Lohnt es sich also das Buch zu lesen? Sicher ja, wenn man die Argumentation der Gegner der Bildschirmmedien kennen lernen will. Um sich selbst ein sachlich fundiertes Urteil bilden zu können, sicherlich nein, denn dazu hat der Autor viel zu sehr seine subjektive Sichtweise in den Vordergrund gestellt. Da sollte man doch lieber die Originalliteratur lesen.

SMS macht doof - oder auch nicht

Die Website der Schule für angewandte Linguistik (SAL) bietet interessante Einblicke in die Deutsche Sprache. Die Eingabe des Suchbegriffs "SMS" ergab Treffer zu folgenden Themen: Forschung, Helvetismen, Mundart, Parlando:

Die meisten Erwachsenen verstehen nur Bahnhof, wenn sie die SMS lesen, die sich Jugendliche schicken. Die Texte wimmeln von Abkürzungen, Schweizerdeutsch und Englisch werden munter gemixt und dazwischen hat es auch noch kryptische Symbole. Deshalb werden immer wieder Befürchtungen laut, dass Simsen die Sprache zerstört - SMS soll doof machen. Dass dem nicht so ist, haben Experten der Schule für angewandte Linguistik (SAL) an einer Fachtagung im Zürcher Kongresshaus festgestellt: An der Tagung unter dem Titel «Affengeil und megakrass» ging es um die Frage, wie die Jugendlichen reden und schreiben. Eine interessante Feststellung: Schweizer Jugendliche schreiben per SMS sehr viel häufiger Mundart als Jugendliche in Deutschland und Österreich. Eine zweite: Dank SMS schreiben die Kids viel mehr als früher. Und das ist alles andere als doof.

Quelle: anthrazit. dezember 2005 / januar 2006.

Fernsehprognose aus den 40er Jahren

"Der Fernseher wird sich auf dem Markt nicht durchsetzen. Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren."

Darryl F. Zanuck, Chef von 20th Century-Fox, 1946

Prügelknabe Powerpoint

Bei den Vorbereitungen zu unserem Rapid E-Learning Seminar hat mich beschäftigt, wie das wohl ausgehen würde, wenn man ein Schlagwort wählt, an dem sich die Geister scheiden und das die Gemüter erhitzt. Als eine Form des Rapid-Authoring wird propagiert, vorhandene Unterlagen (meist Powerpoint-Präsentationsfolien) mit Sprachaufzeichnung zu verbinden und web-fähig zu machen. Dass ein Grossteil der in Schulungen verwendeten Unterlagen in dem Format vorliegt, ist hinreichend bekannt. D.h., man kommt mit Rapid E-Learning günstig und schnell zu E-Trainings und füllt das Lernportal. Klingt nach alchimstischer Zauberformel.
Nun ist schon Powerpoint (PP) für sich genommen Stein des Anstosses. Kein geringerer als ein Guru des Visuellen Informationsdesigns, Edward R. Tufte, verteufelt dieses Tool in seiner Schmähschrift "The Cognitive Style of PowerPoint" (2003, www.edwardtufte.com). Er schreibt "PP cognitive style routinely disrupts, dominates, and trivializes content. PP presentations too often resemble the school play: very loud, very slow, and very simple." (S. 24). Prügel bezieht PP insbesondere, weil es zu Bullet-Point-Folien - und Verdummung - verleite. (Da muss ich ihm recht geben; diese Aufzählungsfolien sind leider omnipräsent.) Tufte geht sogar so weit, Powerpoint für Kommunikationsdefizite verantwortlich zu machen, durch die der Absturz der Columbia-Raumfähre mitverschuldet wurde, und illustriert das, indem er echte NASA-Folien minutiös auseinander nimmt.
Andererseits gärt in mir, die ich selbst am laufenden Band PP-Folien produziere, die Widerrede. PP ist ein Werkzeug. Auch dafür gilt, was ich schon im ersten Semester Wirtschaftsinformatik als ersten Hauptsatz der Datenverarbeitung kennen gelernt habe: "Mist rein, Mist raus". Das heisst ja nun nicht, dass man mit PP nicht auch gutes Instructional Design hinbekäme. Widerrede findet man auch andernorts. So in einem Artikel von M. Schrage in "Strategy + Business" (Issue 38, 2005, S. 93 ff.), durch den ich auf Cliff Atkinson und www.socialmedia.com aufmerksam wurde. Er gilt als treibende Person der "Beyond Bullets Community" und PP-Fürsprecher. Er fragte jüngst in seinem Web-Conferencing-Vortrag (12.5.005): "Is PPT evil?". Den 116 Ja-Stimmen standen 1049 Nein-Stimmen entgegen. Das lässt ja hoffen.

Kolumne des Monats von Prof. Dr. Andrea Back. Newsletter E-Learning 5/2005, 5. Jahrgang
Beiträge 21 - 24 / 24