Der Computer als Schreibwerkzeug ist allgegenwärtig – in Büros, Schulen, Kindergärten. Doch fürchten Bildungsforscher: Wer Lesen und Schreiben nur per Tastatur lernt, merkt sich Buchstaben schlechter – und gerät ins Hintertreffen.

Schreiben lernen

Bereits mehrfach wurde ich von Lehrpersonen und Kindern gefragt, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn das Schreiben von Anfang an auf der Tastatur gelernt würde. Nachstehend einige Argumente von Jean-Luc Velay und Marieke Longcamp aus der Zeitschrift Gehirn&Geist 3/2007, die sich für das Schreiben lernen von Hand aussprechen:

Das Schreiben mit dem Computer hat viele Vorteile:
Problemlos lassen sich Ideen »zu Papier« bringen und korrigieren, Gedanken formulieren und wieder verwerfen. Erst im zweiten Schritt feilen wir am Ausdruck und der richtigen Rechtschreibung. Auch ein Kind könnte so leichter mit Sprache vertraut werden, sich zunächst ganz auf den Inhalt konzentrieren und vergleichsweise früh verständigen – nämlich auch, wenn es feinmotorisch noch gar nicht in der Lage ist, einen Stift oder Füllfederhalter kontrolliert über das Papier zu führen.

 

Bislang sieht die Praxis noch anders aus: Die ersten Schreibübungen vollziehen die meisten Kinder nach wie vor mit dem Stift – auch wenn viele von ihnen zuvor schon eine Computertastatur benutzt haben. Aktuelle Studien bestätigen diese Lehrpraxis und zeigen, dass es für das Schreibenlernen besser ist, die Handschrift bevorzugt zu trainieren – und keinesfalls wegzurationalisieren.

 

Wenn unsere Hand einen Stift führt, wird offensichtlich der entsprechende motorische Befehl in bestimmten Teilen der Großhirnrinde gespeichert. So entsteht ein Gedächtnis für Bewegungen und taktile Empfindungen, die zum jeweiligen Schriftzeichen gehören – die so genannten sensomotorischen Erinnerungen. Sie unterstützen das rein visuelle Wiedererkennen. Im Umkehrschluss kann die Bedeutung eines Zeichens immer auch an der jeweils zugehörigen Handbewegung erkannt werden. Experten nennen dies »kinästhetische Erleichterung«: Wir schreiben ein Wort oder zeichnen es mit den Fingern nach, um uns daran zu erinnern. Dies nützt vor allem Menschen mit einer Leseschwäche oder Patienten mit Hirnverletzungen, die nicht mehr fähig sind, Buchstaben zu erkennen. Ihre Leseleistung verbessert sich durch die motorische Nachhilfe erheblich.

 

Vermutlich entsteht dieses Netzwerk, wenn Kinder das Lesen gleichzeitig mit dem Schreiben lernen. Denn dann prägen sich die Kleinen die visuelle Form eines Buchstaben gleichzeitig mit seiner Aussprache und der einzigartigen Bewegung ein, die notwendig ist, um etwa ein A zu schreiben. Beim Tippen auf einer Tastatur reduziert sich das Ganze hingegen darauf, eine Taste zu drücken. Ein Zusammenhang mit einer bestimmten, notwendigen Bewegung besteht nicht: Jede Taste kann mit einem ganz willkürlichen Handgriff betätigt werden.

 

Trotz dieses Plädoyers für das Schreiben mit der Hand – den Computer aus dem Kinderzimmer zu verbannen erscheint uns übertrieben. Zwar hilft die Handschrift bei der Zeichenerkennung. Doch könnte ein Computer etwa solchen Schülern nützen, die aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten mit feinmotorischen Schreibbewegungen haben. Das Benutzen einer Tastatur könnte dann ein wertvoller Zwischenschritt sein – zum Erlernen der Handschrift.

 

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