Es war ein anderer Auftakt ins Wochenende als gewohnt; ein Mediengetwitter. Der Lehrgang Medienpädagogik von FHS und PHSG Rorschach lud zum medienpädagogischen Event. Erster Talkgast: Handyromanautor Oliver Bendel.

KATRIN SUTTER
RORSCHACH
Wer ins «Kornhausbräu» kommt, trifft auf eine seltsame Szenerie. Etwa ein Dutzend Personen sind an Tischen verteilt, alle mit Laptops oder iPhones ausgerüstet. Die Studierenden des Lehrgangs Medienpädagogik unterhalten sich kaum miteinander. Tippend laufen sie sich warm für das anstehende Mediengetwitter. Und schreiben sogenannte Tweets, also Kurznachrichten, die man über die Internetplattform www.twitter.com live mitverfolgen kann.

feierabendbier

Martin Hofmann im Gespräch mit Handyromanautor Oliver Bendel (rechts); Rückmeldungen dazu gibt's live auf twitter.com im Hintergrund. Bild: Rudolf Hirtl

Handyromane als Einstiegsdroge
Studiengangsleiter Martin Hofmann begrüsst zum medienpädagogischen Experiment. Mediengetwitter ist einerseits ein Talk, heute mit Oliver Bendel, dem ersten und bisher einzigen Handyromanautor der Schweiz. Andererseits projiziert der Beamer die Tweets der Anwesenden auf eine Leinwand. Aus St. Gallen, Zürich, Basel und dem benachbarten Ausland schalten sich weitere passionierte Twitterer online zu.

Auch wer sich nur fürs Feierabendbier in die Brauerei begibt, erfährt Spannendes: Handyromane sind kurze Romane, die man für rund drei Franken aufs Handy downloaden kann. In Japan sind sie längst ein Renner. Bendel verfasste unter anderem die Handyromane «Lucy Luder» oder «Lonelyboy18». Seine Romane schreibt er in drei Wochen – und nein, er tippt sie nicht auf dem Handy. Bendel sieht Handyromane als Einstiegsdroge: Sie sollen junge Leute animieren, zu einem gedruckten Buch zu greifen.

Während Oliver Bendel erzählt, passiert auf der Leinwand hinter ihm vorerst wenig. «Houston, we have a Problem», lautet ein Tweet. Offensichtlich gibt es technische Probleme. Plötzlich aber fliessen die Tweets auf der Leinwand. Man spürt die Dynamik des Mediengetwitters. Martin Hofmann greift immer wieder auf, was aus der Twittercommunity eingebracht wird. Anwesende Twitterer erstatten sofort Rückmeldung an die Twitterer ausserhalb, die den Talk nicht hören können. Wahrlich: ein Gezwitscher auf diversen Ebenen. Und all das geht nicht spurlos an den Anwesenden vorbei: «Mir ist sturm im Kopf vor lauter Multitasken» oder «Dem Gespräch folgen und gleichzeitig twittern ist anstrengend», lauten Tweets.

Viel Twitter, wenig Talk
Multitasker ist auch Martin Hofmann. Er betreut die Technik, führt den Talk, verfolgt die Tweets auf der Leinwand und holt Meinungen aus dem Publikum ein. «So viel Multitasking ist nicht gesund», meinte er nach der Veranstaltung. Auch die Studierenden berichten, dass vor lauter Twittern vom Talk nur wenig hängenbleibt. Ein Tweet bringt es auf den Punkt: «Biertrinken und Zuhören ist schon genug Multitasking für mein analoges Gehirn.»

Ein Zuschauer, der das Experiment als Unbeteiligter verfolgte, sagte zudem: «Es irritierte mich, dass so viel kommuniziert wurde, aber kaum jemand ein Wort an den Tischnachbar richtete.» Um 17 Uhr verabschiedete Martin Hofmann seinen Talkgast. Die Twitterer klappten ihre Laptops zusammen, Schluss mit Multitasking. Auch angehende Medienpädagogen schätzen analoge Kommunikation und ein gutes Feierabendbier.

Das nächste Mediengetwitter findet am 8. Januar im «Kornhausbräu» statt. Talkgast: Bruno Metzger, Kapo, Chef Sicherheitsberatung, zum Thema Internetkriminalität.

Quelle: St.Galler Tagblatt, Lokalteil für die Region Rorschach, vom 22.12.2009.

Katrin Sutter ist Filmemacherin, TV-Journalistin und Teilnehmerin am Medienpädagogik-Lehrgang der FHS St. Gallen und PHSG.

Download: Multitasking_beim_Feierabendbier