25. Januar 2010
Ungekürzte Fassung des Tagblatt Artikels vom 25. Januar 2010
RORSCHACH, 25. Januar 2010.
Am Freitag fand das dreiteilige Mediengezwitscher des Zertifikatslehrgangs Medienpädagogik – von PHSG und FHS St. Gallen veranstaltet – seinen Abschluss. Letzter Talkgast: Stefan M. Seydel, Betreiber des Internet-Magazins rebell.tv.
MARK RIKLIN
Wie es dazu gekommen sei, dass er immer die gleiche Hose trage, und ob er nur dieses eine Stück oder mehrere davon besitze, wird Stefan M. Seydel immer wieder gefragt. Das Orange leuchtet so auffällig, dass auch dieser Bericht nicht darum herumkommt, der Sache mit den Hosen nachzugehen. Die Antwort ist simpel: Eines Tages war es Seydel ganz einfach leid, sich jeden Morgen als erstes Gedanken über seine Garderobe zu machen. Immer die gleichen Hosen zu tragen, sei bequem und praktisch.
Der Mann mit den orangen Hosen: Talkgast Stefan M. Seydel, exzessiver Blogger, Vlogger und Betreiber des Internet-Magazins rebell.tv. Bild: Corina Tobler
Internet-Aktivist
Ob gewollt oder nicht: Die orange Hose ist zu einer Marke mit beachtlichem Irritationserfolg geworden. Was für die Hose gilt, gilt für die ganze Persönlichkeit: Seydel löst Neugier aus, polarisiert, regt an und auf – ein lebendiges Fragezeichen. Voller Leidenschaft stellt sich der Internet-Aktivist und Betreiber von
rebell.tv den Fragen von Moderator Martin Hofmann, des Publikums und externer Twitterer, die den Talk aus fernen Städten oder dem fahrenden Zug mitverfolgen.
Neugieronautisches Labor
Soeben erscheint auf der Twitterwall im Hintergrund ein neuer Tweet, ein externer Twitterer schaltet sich in die Diskussion ein: «Handelt es sich bei rebell.tv um Kunst, Philosophie, Soziale Arbeit, Politik oder Parallelwelt?» – Von allem ein bisschen, antwortet Seydel. Das Internet-Magazin rebell.tv, ein «Zettelkasten» aus über 3000 Videobeiträgen, 600 Podcasts und über 10 000 Blog-Einträgen, sei ein Denkraum, ein neugieronautisches Labor zur Methoden- und Theorieentwicklung. «Kann ich verstehen und begreifen lernen, was hier – in unserer Gesellschaft – abgeht?», fragt sich Seydel. Sich selbst versteht er als teilnehmender Beobachter, als sozialräumlich agierender Sozialarbeiter, der sich nicht um die Anzahl Klicks oder Zuschauer kümmere, um es mit Christoph Schlingensief zu sagen, sondern einzig und allein um das, was er sende.
Soziale Metamorphosen
Nicht immer wollen Seydels Antworten zu den Fragen passen. Spannend sind sie allemal, gerade deshalb. Fehlende Antworten können in der Publikation «Die Form der Unruhe» (Herbst 2009), einem zwei Kilo schweren Wälzer, nachgelesen werden. Mit den rasanten Entwicklungen der Kommunikationstechnologien habe auch die Geschwindigkeit und Radikalität sozialer Veränderungen zugenommen. Technische Innovationen hätten schon immer zu sozialen Metamorphosen geführt, sagt Seydel. Diese verstörende wie kreative Unruhe sei das Feld und Interesse von rebell. tv, verkörpert in der Persönlichkeit von Stefan M. Seydel.
Twitter als zusätzlicher Kanal
Seydel untersucht die Welt, unsere Gesellschaft und vor allem auch sich selbst. Der experimentelle Charakter von
rebell.tv passt bestens zum Abschluss der dreiteiligen Reihe Mediengetwitter, selbst ein medienpädagogisches Experiment. Welches die Take- aways der Mediengetwitter seien, fragt ein Twitterer. Der Versuch, Twitter während eines realen Talks als zusätzlichen Kanal einzusetzen, habe sich als reizvoll und anspruchsvoll zugleich erwiesen, sagt Hofmann, Leiter des Zertifikatslehrgangs Medienpädagogik. Die mehrmalige Durchführung habe Anpassungen erlaubt, so die Erweiterung des Rollenspektrums der Teilnehmenden in Moderatoren, Live-Berichterstatter, Prozessbeobachter, Tweet-Hüter, Techniker etc.
Verzögerte Tweets
Die grösste Herausforderung aber sei wohl das verzögerte Erscheinen der Tweets
auf der Twitterwall gewesen, sagt Hofmann, was zwei zeitlich verschobene
Diskussionen habe entstehen lassen, eine reale und eine virtuelle. Nichtsdestotrotz,
das medienpädagogische Experiment mit ungewissem Ausgang scheint Spass
gemacht zu haben, wie ein letzter Eintrag auf der Twitterwall bestätigt: „Ich werde
das Mediengetwitter als sozialen Event vermissen.“
Box: Rush-Hour bei Twitter?
"Kurz vor 16 Uhr kommen wir im Kornhausbräu an. Ich beginne fleissig zu twittern. Wie ich bald entdecken muss, lassen meine Multitasking-Fähigkeiten jedoch zu wünschen übrig. Ich bleibe immer wieder am virtuellen Geschehen hängen und verpasse den realen Talk. Als die zweite Hälfte des Talks beginnt, herrscht plötzlich totales Chaos auf der Twitterwall. Die Tweets erscheinen mit Zeitverzögerung von bis zu 12 Minuten. Rush-Hour bei Twitter? Die Ereignisse auf der Twitterwall und der reale Talk weichen immer mehr voneinander ab und bei mir macht sich ein gewisser Frust bemerkbar. Ich bin erleichtert, als der Talk um 17 Uhr zu Ende geht und sich mein Gehirn wieder auf eine Welt konzentrieren kann. Die Frage eines Gastes, ob die Begleitung des Talks vor Ort mit Twitter wirklich Sinn macht, kann ich nicht beantworten. Ich finde das Experiment spannend, denke aber, dass es weiterhin Verbesserungspotenzial hat. Erst wenn die Methode optimiert ist, lässt sich sagen, inwiefern sie geeignet ist.“
Auszug aus einem Blog-Eintrag von Nadine Wagner, angehende Medienpädagogin
http://cas-medienpaedagogik.blogspot.com/